Programme:
Mütters Posaunenvarieté
Mütters Dichters Liebe
Mütters Müllerin
Schubert Winterreise Mütter
Mütters Posaunenvarieté
Worüber ich nicht sprechen kann, davon muss ich spielen - und umgekehrt.
Zum musikalischen (posaunierend, komponierend, improvisierend) ist das verbale Erzählen (schreibend, plaudernd) gekommen. Warum auch nicht, und ganz von selbst. (Das Schweigen hat auch seine Zeit).
Mütters Posaunenvarieté ist die Verschmelzung meiner Statements und Glossen mit meiner Musik. Vorgefasstes (Texte, Kompositionen) und Spontanes (Improvisation, freie Rede). In welchem Verhältnis das zu einander steht, davon lasse ich mich selbst überraschen, wie auch von jenem berühmten Roten Faden, von dem ich noch überhaupt gar nichts weiß (ist der denn überhaupt rot?). Mir kommt nämlich tagtäglich so viel unter, ich erinnere mich, vergleiche, kombiniere (brain jumping), es fängt zum Sprudeln an, will heraus und kommt über die Lippen, manchmal auch durch meine Posaune. Wer mich kennt, weiß, dass es dabei nicht todernst zugeht; serious fun, das gefällt mir (besser als das Klischee vom lustigen, weil tumben Posaunisten).
Mütters Dichters Liebe
Im Unterschied zu den vergeblichen Müller-Lieben der beiden Schubert-Zyklenist die Liebes- und Entliebungs- geschichte, bei Heine / Schumann so fragmentarisch (ist es überhaupt eine Geschichte?), dass sie gerade dadurch real nachvollziehbar, ja handfest erscheint. Der enttäuschte Liebende dieses lyrischen Intermezzos findet allerdings schließlich zurück ins Leben, verwundet zwar, nicht aber waidwund seinen Hals hinhaltend, damit ihn die Wölfe zerrissen oder das liebe Bächlein in sich aufnehme.
Das Nachspiel des letzten Liedes (es dauert so lange, bis die Liebeswunden verheilt sind und sich vernarben können) die alten, bösen Lieder fasziniert. Da steht dann der Sänger eine gute Minute mit bedeutungsvoll leerem Blick herum, schaut ins Narrenkastl oder in den Klavierraum, hat jedenfalls ergriffen zu sein, exakt so lange, bis der Pianist mit seinem (scheinbar) unproportionierten Solo endlich fertig ist und er abapplaudiert werden kann, danke vielmals.
Diesem, wenn man so will: alles verzögernden Nachspiel widme ich ein eigenes, großes Posaunenstück. Quasi una cadenza, dauert es (nicht ganz) so lange wie der gesamte Zyklus vorher, damit auch ganz sicher kein Schmerz mehr übrig bleibt, fliegt mehrmals aus und ein, kommt schließlich zurück, mit einem Ölblatt im Schnabel? Wer weiß.
Mütters Müllerin
Ich stelle mir vor, dass der Jäger, der dem armen Müller die eingebildete Geliebte ausspannte und ihn so in den Tod trieb, auch damals, im September 1966, Fritz Wunderlich in dessen Jagdhaus auflauerte und somit auf dem Gewissen hat. Welchen Namenhat der Jäger? Sollte man beim Jäger gracchus nachforschen?
In Mütters Müllerin pickt sich Bertl Mütter Elemente und Parameter des verehrten Originals heraus, zitiert über Strecken sogar wörtlich, man meint, das Bächlein rauschen zu hören; unvermittelt schleicht sich ein irritierender Klang ein, als läge sich eine kalte Hand aufs Herz. Aus dieser Einsamkeit sprießt wiederum eine beglückende Wärme, wie sie die von Bertl Mütter geblasene Posaune eben zu verströmen in der Lage ist.
Die schaudernd begeistert aufgenommene Anregung kam von Maria Hofmann, Spiritus Rector der Int. Paul Hofhaymer Gesellschaft Salzburg.
Schubert Winterreise Mütter
Ich bin kein im klassischen Sinn ausgebildeter und agierender Vokalist. Posaune und Euphonium sind zu Körperteilen geworden. Ich antworte dem Ruf von Schuberts Musik und Müllers kraftlosem Helden mit meinem heutigen, sehr persönlichen, vielleicht auch verstörenden Sprachen. Im Idealfall ohne Scheu, Hemmungen oder vorauseilende Selbstzensur. Es ist meine mir mögliche und notwendige Hommage an die Winterreise, Schubert, Müller, Patzak, Louis Armstrong, Hotter, Prégardien, Hampson, Quasthoff, Fischer-Dieskau, Chet Baker, Wunderlich ..."
